Architectural Portraits. The MIES Project

Arina Dähnick

14. Mai 2020

Architekturfotografie mit der Leica M: Eine Berliner Fotografin entdeckt die Bauten Ludwig Mies van der Rohes noch einmal überraschend neu.
Schlichte Eleganz, reduzierte Formen, kostbare Materialien: Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) war überzeugter Ästhet. Seine Bauten haben Architekturgeschichte geschrieben. In ihrer Serie, die seit letztem Jahr auch als Bildband vorliegt, hat sich die Berliner Fotografin Arina Dähnick den architektonischen Stil-Ikonen noch einmal erfreulich ehrfurchtslos, aber durchaus respektvoll genähert.

Seit 2012 beschäftigt sich Arina Dähnick mit den Gebäuden Mies van der Rohes; angefangen hatte alles mit der einmaligen Raumerfahrung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: Der fast schwebende Ausstellungsbau lebt von seiner scheinbar grenzenlosen Weite und bietet gleichzeitig, so paradox das sein mag, ein Gefühl der Geborgenheit. Immer wieder nahm die Fotografin nun den Bau bis zu seiner umbaubedingten Schließung 2015 in den Fokus. Von der Leidenschaft für van der Rohes Architektur gepackt, standen in den folgenden Jahren dann weitere berühmte Gebäude des Architekten aus fast fünf Jahrzehnten in Europa und den USA auf dem Plan. Barcelona, Berlin, Brünn, Chicago, New York, Plano: ein wunderbarer Reiseplan zu den wichtigsten Bauten sollte abgearbeitet werden. Ob der legendäre Barcelona-Pavillon, die Villa Tugenthat in Brünn oder das Seagram Building in New York: Am Ende waren es insgesamt elf Gebäude, die die Fotografin erkundete.
Zu Recht bezeichnet Dähnick ihre Aufnahmen als Porträts, denn ihre Serie zeigt keine formale Architekturfotografie, sondern offenbart eine subjektive, freie Sichtweise: Viel eher geht es um die persönliche, poetische Aneignung der Gebäude. Ohne aufwendiges Equipment, allein mit einer Leica M nähert sich die Fotografin den Gebäuden und vor allem den Innenräumen. Sie arbeitet ohne zusätzliche Lichtsetzungen und ohne Stativ, verlässt sich nicht auf die Gesetze der Architekturfotografie, sondern findet ungewöhnliche Stimmungen, Standpunkte und Momente, spielt mit dem visuellen Verschmelzen von Innen- mit Außenraum, gibt der Farbe und Leuchtkraft der Materialien einen besonderen Auftritt. Vor allem aber ist es das Licht, das als Hauptfaktor die Qualität der Bilder bestimmt. Schon für van der Rohe war die Lichtwirkung in seinen offenen Wohnräumen mit großzügigen Fensterflächen von entscheidender Bedeutung.

Die Transparenz und Weite der meisten Gebäude des Architekten ist für eine fotografische Aneignung eine Herausforderung. Dähnick nutzt diese Komplexität sich überlagernder Schichten bewusst für ihre Bildkompositionen. Nicht immer war der Zugang einfach, erst mussten Besitzer und Verwalter überzeugt werden. Dabei war das Hineingehen in die Gebäude von entscheidender Wichtigkeit, denn erst aus dem Erleben der Räume, dem Wechselspiel von Reflexion und Spiegelung, Licht und Schatten, der spezifischen Materialwirkung der Bauten entstanden die eindrücklichsten Motive der überzeugenden Bildserie. So öffnen sich mit Hilfe der Fotografie ungeahnte Perspektiven, aber auch Bedeutungsebenen, die weit über ein rein architektonisches Verständnis hinausgehen. Ludwig Mies van der Rohe hätte das sicherlich ebenso wie den heutigen Betrachter gefreut. (Ulrich Rüter)

Arina Dähnick, Architectural Portraits. The MIES Project.
Mit Texten von Dirk Lohan und Michelangelo Sabatino;
Gestaltung: Peter Nils Dorén. 144 Seiten, 93 Farb- und 16 Schwarzweißabbildungen, 28 x 32 cm, deutsch/englisch.

edition cantz
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2019 (Silber in der Kategorie „Konzeptionell-Künstlerisch“)
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Arina Dähnick

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Arina Dähnick © Jörg Pitschmann
© Jörg Pitschmann

Arina Dähnick, geboren 1965 in Krefeld, ist eine in Berlin lebende Fotokünstlerin, die vor allem in den Bereichen Bildende Kunst und Architektur arbeitet. Im Leica Camera Blog wurde sie erstmals 2014 vorgestellt. Zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen sollten folgen. Ihre Serien Perfect Life, Contemporary Architecture Barcelona und The MIES Project wurden vielfach international ausgestellt. The MIES Project wurde mit einer Leica M9, einer Leica M (Typ 240) und vor allem mit einer Leica M10 fotografiert. Als Objektiv verwendete die Fotografin ein Summilux 1:1.4/35 Asph. Mehr

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